ich bin römisch-katholisch und studiere genau wie Aletheia seit 5 Jahren Theologie. In der römisch-katholischen Kirche fällt mir nach vielen Jahren Glaubensleben etwas auf, was ich hier gern einmal beschreiben möchte. Vielleicht könnt ihr mir das Ganze ja aus orthodoxer Sicht dann einmal schildern, da mich echt interessieren würde, wie sich die Sache bei euch darstellt. Manche Dinge die ich schreibe sind nicht "typisch" katholisch, aber ich beschäftige mich eben mit vielem.
Ich habe mich in meiner Jugend bewusst zum Christentum bekehrt und mich für die römisch-katholische Kirche entschieden. Meine Bekehrung hatte ich in einem katholischen Kloster während des Stundengebets. Das katholische Christentum hat mich auf Grund seiner Tiefe - und natürlich allgemein wegen Jesus Christus total angesprochen und auf etwas geantwortet, wonach ich lange Zeit gesucht habe. Ich bin schließlich katholisch geworden und habe mich mit Begeisterung in die Religion hineingeworfen. Das hat letztlich auch dazu geführt, dass ich keinen größeren Wunsch hatte als Theologie zu studieren, weil ich so erfüllt war (und nach wie vor bin) vom Thema des Glaubens. Die Jahre waren auch super, aber ich habe begonnen sehr vieles zu reflektieren. Mit der Zeit ist mir folgendes aufgefallen: es gibt eine - ich würde es so nennen - "Basic"-Stufe des katholischen Glaubens. Du beschäftigst dich viel und lang mit Liturgie, mit Heiligen und Mystikern, hörst viele Vorträge und nimmst die Glaubensinhalte einer nach dem anderen auseinander. Du gehst Sonntags in die Hl. Messe, manchmal öfter, betest den Rosenkranz, betest andere Standardgebete, betest morgens, abends, tagsüber und während des Essens usw. Du hörst gregorianischen Choral weil er so schön ist, du versuchst ein gutes Leben zu führen - kurzum: du führst ein gutes und normales katholisches Leben. Irgendwann aber zieht es dich weiter und höher. Standardgebete sind dir nicht mehr genug...du sehnst dich nach einer lebendigen Gottesbziehung, die sich nicht in Standart- und Routineverhalten ergeht. Man sehnt sich nach dem lebendigen, wirkenden, heilenden, sprechenden und handelnden Gott. Und wenn man das nicht findet, dann kommen erste Trockenheiten und Schwierigkeiten, mit dem Fortschritt des guten Lebens fängt es an zu haken, viele Glaubensinhalte kennst du, die Messe wird langsam Routine,...und man hat das Gefühl auszutrocknen usw.
Schließlich kam ich immer mehr zu einem Punkt, wo mir fast alle Predigten und Vorträge langweilig vorkommen und Gebet, Hl. Messe usw. ihren Geschmack verloren...und einfach jede Begeisterung für den Glauben wegfielen. Was mir früher sinnvoll und reichhaltig erschien lässt mich nun kalt. Und ich begann viel darüber nachzudenken, warum das so ist...schließlich hat es mich ja früher erfüllt wie sonstwas
Und schließlich habe ich auch immer mehr verstanden, warum es immer trockener wird in mir: weil sich mir der Eindruck aufdrängt, dass das Glaubensleben innerhalb der katholischen Kirche überhaupt keine Praxis kennt, die über das herunterbeten von Standardgebeten hinausgeht. Ich kenne Literatur der Mystiker, bspw. Johannes vom Kreuz, die von einem lebendigen Aufstieg der Seele zu Gott schreiben. Aber diese Dinge werden in der katholischen Kirche die mir bekannt ist weder von Menschen gewusst, verstanden, geschweigedenn gelehrt. Dass in der katholischen neuen Liturgie alles ist wie es ist, trägt dem Ganzen nun auch nicht gerade wenig bei.
Um zum Punkt zu kommen: wenn ich in der katholischen Kirche jemandem von diesen Trockenheiten erzählen würde, dann würde man Antworten bekommen wie: "Gott ist halt still", "Das ist ein Kreuz, nimm es an", "Trockenheiten führen zur Heiligkeit", "sei nicht so anspruchsvoll", "lebe intensiver den katholischen Glauben" usw. Aber ich habe Sehnsucht nach einer lebendigen Gottesbeziehung! Ich kann nur für mich selbst sprechen und will den folgenden Satz nicht auf die ganze katholische Kirche ausbreiten, aber: Gott kommt mir in der katholischen Kirche wie tot vor
Meine Favorite-Musik sind orthodoxe Hymnen, mein Lieblingsgebet ist das Herzensgebet...und die Kirchenväter meine Lieblingsliteratur. Aber das ist ja letztlich unsere gemeinsame Tradition, d.h. wir müssten das in der katholischen Kirche alles finden, wonach ich mich sehne. Aber mir scheint, dass es nicht vorhanden ist. Wenn ich mir Videos mit Interviews über orthodoxe Einsiedler anschaue, die über das Gebet sprechen, dann fließt dort eine Tiefe und ein Wissen aus einer lebendigen Gottesbeziehung hervor, die man in der katholischen Kirche einfach kaum vorfindet. Ich habe das Gefühl mit meiner Sehnsucht immer an eine Betondecke zu klatschen, weil einfach nicht "mehr" da ist.
Daher nun - entschuldigt bitte meine lange Ausführung bitte^^ - meine Frage: wie sieht das spirituelle Leben und Wachstum innerhalb der orthodoxen Kirche aus? Könnt ihr mir ein bischen davon erzählen? Meine Worte spiegeln nur sehr schwach das wieder, was in mir vorgeht, aber vielleicht könnt ihr es ja ein wenig verstehen. Am meisten interessieren mich allerdings eure Antworten bezüglich der spirituellen Praxis der Orthodoxie. Was heißt Christ-Sein für euch / bei euch?
Danke und herzliche Grüße an euch alle,
DerMuck